| Das St.-Ursula-Gymnasium ist seit seiner Gründung ein Mädchengymnasium. Dieser lange Zeit nicht hinterfragte Status muss sich in der Gegenwart die Frage gefallen lassen, ob er weiterhin aufrecht erhalten werden soll oder ob sich die Schule nicht für Buben öffnen sollte, öffnen muss. Man kann diese Frage zunächst einmal unter betriebswirtschaftlichen Aspekten betrachten: Danach ist ein Mädchengymnasium ein Angebot, ein Produkt, das der Nachfrage bedarf. Wird ein Produkt nicht oder nicht mehr ausreichend nachgefragt, dann muss es vom Markt genommen werden bzw. verändert werden. In der Gegenwart kann sich das St.-Ursula-Gymnasium keineswegs über einen Mangel an Nachfrage beklagen. Für die Schuljahre 2003/2004, 2006/2007, 2008/09 mussten wir, wenn auch in bescheidenem Maße, Bewerberinnen abweisen, da wir für eine weitere Expansion keine Räume haben. (Der Aufnahmedruck ist auch für die Mädchenrealschule St. Ursula und für die St.-Ursula-FOS kaum anders.) In diesem Zusammenhang muss klar sein, dass eine Öffnung für Buben irreversibel wäre und dass die Aufgabe der Monoedukation wohl die letzte Möglichkeit zur Rettung der Schule wäre; davon sind wir weit entfernt. Aber natürlich ist das Teil-Profil "Mädchenschule" nur eines von mehreren Vorzügen unserer Einrichtung, die es für Eltern reizvoll erscheinen lassen, uns ihre Kinder anzuvertrauen. Christliche, sozial ausgerichtete (SWG-Zweig), überschaubare, reizvoll gelegene, atmosphärische, musische, sportliche (PZW) Schule usw. könnten so anziehend sein, dass Eltern die "Mädchenschule" in Kauf nehmen. Dagegen spricht aber die Erfahrung aus den Einschreibungen, bei denen die 10-jährigen Mädchen auf die Frage, warum sie denn unbedingt zu uns kommen wollten, mehrfach antworteten, weil es hier keine Buben gebe. Diese hätten sie schon im Kindergarten und dann vor allem in der Grundschule gestört, drangsaliert. Der entscheidende Vorzug einer Mädchenschule ist offensichtlich, dass sich die Mädchen hier ohne die störenden Einflüsse ihrer männlichen Altersgenossen entwickeln können. Zu denken ist an Aggressionen, an Verdrängungs- und Einschüchterungsverhalten. Wir schaffen hier einen Schonraum und dieser Freiraum für die geistige Entwicklung ist der zentrale Vorteil einer Mädchenschule. Wissenschaftliche Studien belegen, dass aus der Abwesenheit von Buben gerade im naturwissenschaftlich-technischen Bereich Chancen für die Mädchen erwachsen: Durch das Phänomen der (Geschlechter-) Polarisierung neigen Mädchen in koedukativen Schulen offensichtlich verstärkt dazu, geschlechterfernere Interessensbereiche (Naturwissenschaften und Mathematik) z. B. bei der Leistungskurswahl überproportional zu meiden. In Hohenburg wird diese Beobachtung Jahr für Jahr anschaulich belegt bzw. als Unumgänglichkeit widerlegt! Seit Einführung der Kollegstufe hatten wir als sprachliches und sozialwissenschaftliches Gymnasium (!) immer einen LK Mathematik, einen Kurs, in dem sich an koedukativen Schulen nur rudimentär Mädchen finden. Im Kollegstufenjahrgang 2008/10 können wir sogar einen LK Physik vorweisen, der landesweit nur von ca. 15% der weiblichen Schülerinnen gewählt wird. Bei uns sind es natürlich 100%. Selbstverständlich zeigen sich auch bei unseren Schülerinnen die geschlechtsspezifischen Vorlieben (sie wählen vorzugsweise neue Fremdsprachen, Deutsch, Kunst), aber unsere Mädchen haben keine Veranlassung zum Rückzug, wenn ihre Interessen den gängigen und wohl angelegten Interessensmustern nicht zu 100% folgen. Seit dem Umbau des Südflügels zum naturwissenschaftlichen Zentrum können wir diesen Aspekt noch besser fördern bzw. der Benachteiligung entgegensteuern. Ein weiteres wichtiges Argument für die monoedukative Schule ist, dass unsere Lerngruppen (=Klassen) homogener sind. Sicherlich liegt auch in der Vielfalt ein Reiz, aber Mädchen und Buben triften in der Pubertät, also in der Mittelstufe so weit auseinander, dass auch engagierte Anhänger der Koedukation die Problematik einheitlicher pädagogischer, didaktischer und diszipliärer Konzepte für die Mittelstufe nicht leugnen können. Die Interessens- und Entwicklungslagen unserer Mädchen liegen dagegen nicht so weit auseinander. Wir nutzen dies z B. im "Aufklärungs-" Bereich, wo wir den natürlichen Klassenverband beibehalten können. Aber die Erkenntnis kann auch für die Auswahl der Lektüre im Fach Deutsch hilfreich sein. Eine weitere Beobachtung: Theateraufführungen oder Filmprojekte gibt es an ko- wie an monoedukativen Schulen und es ist nicht auszuschließen, dass solche Projekte an koedukativen Schulen sogar qualitativ höherwertig sind. Was aber in unserem Zusammenhang entscheidend ist, ist die Rollenverteilung: An gemischten Schulen sind die Mädchen für das Nähen der Kostüme, die Pausenverpflegung, die Schauspielerei, die Programmheftchen und die Werbung verantwortlich, während sich die Buben um "die Technik" (Kameraführung, Beleuchtung, Sound, Mischung ...) kümmern. In Hohenburg ist das anders! Bei uns stehen Mädchen hinter der Kamera und Mädchen arbeiten sich in das entsprechende Computerprogramm ein, damit sie einen guten Schnitt erzielen. Mädchen sind bei uns für "die Technik" verantwortlich. Dies dürfte eines der sichtbarsten und evidentesten Argumente für unser zusätzliches Angebot einer monoedukativen Schule sein. Es soll aber nicht verschwiegen werden, dass Mittelstufen-Mädchen die Buben vermissen und dass dies für ein paar Mädchen Grund genug ist an eine koedukative Schule zu wechseln. Solche Mädchen bzw. Mädchengruppen sind in der Gegenwart seltener geworden und werden insgesamt von Quereinsteigerinnen ausgeglichen. Hier und beim Thema "Zickigkeit" (was immer das ist) besteht dauerhafter Handlungsbedarf. Wir wissen natürlich auch, dass insbesondere in Zeiten sinkender Schülerzahlen kein Weg an koedukativen Schulen vorbeigehen kann. Die koedukative Schule ist der Normalfall. Vor diesem Hintergrund ist unser Hohenburger Gymnasium ein reizvolles Zusatzangebot! Abschließend sei bemerkt: Das Thema "Mädchenschule" war Jahresthema 2004/2005; es ist bei uns permanentes Arbeitsthema. Wir werden bis auf Weiteres am Status einer Mädchenschule festhalten, weil wir dieses Teilprofil als essentiell für unsere Schule ansehen; wir haben das Kriterium "Mädchenschule" auch nicht für unsere neue FOS aufgeweicht. Ich darf sogar konstatieren, dass mich die intensivere Befassung mit der Thematik zunehmend in das Lager der Anhänger einer monoedukativen Schule gedrängt hat und dass ich heute - konträr zu meinen früheren Überzeugungen - für eine Ausweitung monoedukativer Ansätze argumentiere. Umgekehrt sind wir Verbesserungsvorschläge zugänglich, nicht aber für kurzfristige Experimente und unüberlegte Veränderungen. Dr. Rainald Bücherl Copyright © 2003-2008 by St.-Ursula-Gymnasium Schloss Hohenburg. Last updated 04.05.2008. Impressum, Haftungsausschluss.
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